Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft – das sind die, die glauben zu wissen, welche Filme man nicht angucken darf, damit sein Leben nicht auf die schiefe Bahn gerät (und damit wohl annehmen, Filme würden eher das Leben beeinflussen als das Leben die Filme) – hat sich als erschütternd homo- und transsexuellen-feindlich gezeigt.
Ihr erinnert euch vielleicht an meine Freundin Sabine, über die ich bereits Anfang des Jahres im Blog geschrieben habe. Mit ihrem Film "Romeos" war sie auf der Berlinale vertreten. In dem kleinen feinen Streifen (der nicht eine anrüchige oder brutale Szene enthält – jedenfalls nicht mehr als ein Film wie, sagen wir mal, "Keinohrhasen") geht es um einen Jungen, der einmal ein Mädchen war und sich in einen Jungen verliebt. Eine Liebesgeschichte, in der es um Gefühle geht. Wie fühlt man sich, wenn man verliebt ist? Und wie fühlt man sich, wenn man glaubt, im falschen Körper zu stecken?
"Romeos" kann jeder sehen. Und die meisten, die ihn sehen, werden durch den Film mehr Verständnis für Menschen bekommen, die sich so unwohl im eigenen Körper fühlen, dass sie eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen. Ab wie viel Jahren sollte man einen Film, in dem es um Gefühle und um eine Geschlechtsumwandlung geht, freigeben. Sabine hat beantragt, dass er ab 12 Jahren gesehen werden darf. Sehr verständlich. Keine anrüchigen oder brutalen Szenen, ein interessantes Thema, mit dem sich jeder Pubertierende beschäftigen sollte. Ein Thema, das in Schulen behandelt werde sollte. Denn: Wo sonst soll Verständnis und Toleranz für verschiedene Arten der Sexualität vermittelt werden.
Die FSK – ihr erinnert euch, das sind die, die uns durch verwirrende Filme nicht vom rechten Weg abbringen wollen – hat anders entschieden. Sie will den Film ab 16 freigeben, da sie glaubt, "Romeos" könne Jugendliche "desorientieren".
Damit beleidigt sie nicht nur die homo- und transsexuellen Menschen, deren Sexualität mit "desorientiert" ja quasi als "fehlgeleitet" oder (Sachen mer's doch mal auf jut Deutsch) "nicht normal" eingestuft wird. Das Urteil beleidigt auch alle Jugendlichen, denen unterstellt wird, sie seinen so unsicher, verwirrt und unmündig, dass sie über ihre Sexualität nicht frei bestimmen könnten und vor Filmen, die von sexuellen Minderheiten handeln, geschützt werden müssten.
Hier mal ein paar Schmankerl aus der FSK-Begründung:
"Der Film behandelt ein schwieriges Thema, welches für die Jüngsten der beantragten Altersgruppe, die sich in ihrer sexuellen Orientierungsphase befinden, sehr belastbar sein könnte."
"Die Schilderung einer völlig einseitigen Welt von Homosexualität im Film könnte hier zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen."
"Die explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel können verwirrend auf junge Zuschauer wirken."
"Der Film spiegelt eine verzerrte Realität wieder."
Ich glaube, die Zitate müssen nicht weiter kommentiert werden. (Auch wenn es bemerkenswert ist, dass "häufiger Partnerwechsel" auf junge Zuschauer irritierend wirken soll. Warum dürfen die denn dann Soaps gucken – das sind diese Serien, die in einer völlig unverzerrten Realität spielen. Vielleicht weil da meist nur die "normalen Heten" ihre Partner wechseln?)
Die FSK (Sachen mer's doch nochmal auf jut Deutsch) hat sich als homophob und absolut mittelalterlich entpuppt. Ich bin erschüttert, dass heutzutage in Deutschland ein solches Urteil noch möglich ist. Wenn eine Behörde, in der die wichtigsten gesellschaftlichen Instanzen des Landes vertreten sind, zu solch einem Schrieb fähig ist, dann sind wir leider viel weiter von einer gleichberechtigten Behandlung aller sexuellen Lebensweisen entfernt, als ich zu hoffen gewagt hatte.
Hier könnt ihr die FSK-Beurteilung komplett nachlesen.
Posts mit dem Label Romeos werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Romeos werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Sonntag, 27. November 2011
Sonntag, 13. Februar 2011
Berlinale 2011 - Cineastisches Tagebuch in Text und Bild (4)
Und ich meine damit nicht nur die 3D-Brillen, die auch hier immer öfter in den Kinosälen aufgesetzt werden müssen (und die ganz schön scharfkantig sein können, so dass man sich die Ohren leicht verletzt). Nein, auffällig ist, dass auf dem Festivalgelände am Potsdamer Platz immer mehr Leute mit riesigen Opa-Brillen auf der Nase herumlaufen, was sehr nerdig aussieht. Doch Nerds sind mittlerweile cool, weil uns zahlreiche Filme in den letzten Jahren beigebracht haben, dass sie eigentlich Superhelden sind. Bestes Beispiel ist der Film "Griff – The Invisible", der auf der Berlinale läuft und in dem ein Nerd zu einem unsichtbaren Superhelden wird. Einfach weil er es will und sich genug Mühe gibt. Der Film definiert Nerds als Menschen, die über die Realität hinaus denken und dadurch entweder den Bezug zur Realität verlieren oder neue Welten für andere Menschen zugänglich machen.
Party unter eindrucksvoller Kuppel im Alten Postfuhramt. Durch die großen Tore sind zu Kaiserszeiten Pferde mit Postwagen gekommen.
Auf der Berlinale laufen viele Nerds herum, die Superhelden sein wollen – also etwas ganz Besonderes schaffen wollen.
Meistens sind es Filmschul-Absolventen, die hier mit Drehbüchern im Gepäck von Termin zu Termin hetzen, um ihre Nerd-Identität hinter sich zu lassen und erfolgreiche Filmemacher zu werden. Abends schmuggeln sie sich dann auf dekadente Parties, lassen den Geschäfts-Gespräch-Marathon des Tages hinter sich und werden zu Helden der Nacht, die sich wie Stars fühlen, wenn sie auf der Party stehen, auf der echte Stars die Tanzfläche bevölkern.
Sabine Bernardi, die mit mir an der Internationalen Filmschule Köln studiert hat, ist die Heldin unserer Hochschule. Sie hat es geschafft, mit viel Kraft und sehr wenig Geld ihren ersten Langspielfilm zu produzieren, der in diesem Jahr auf der Berlinale läuft und einen wahren Besucheransturm ausgelöst hat. Zwei Tage hintereinander hat "Romeos" – ein sehr charmanter Film, der von einem Jungen handelt, der einmal ein Mädchen war und selbst im als so tolerant bekannten Köln auf Probleme stößt – mehrere Kinosäle gefüllt. Weit über 100 Menschen mussten sogar vor der Tür bleiben, weil nicht einmal mehr auf den Treppen Platz war.
Sabine ist jetzt also eine Superheldin. Das klingt ein wenig nach Franz-Josef Wagner, stimmt aber. Denn sie hat eine fremde Welt vielen Leuten zugänglich gemacht. (Und hatte es vor ihrem Erfolg nicht einmal nötig, eine große Brille zu tragen.)
Abonnieren
Posts (Atom)