Freitag, 12. August 2011

Es gibt keinen Zauber gegen Spießigkeit

Wir ließen uns in eine kunterbunte Zauberwelt mitnehmen, die zunächst wie Disneyland ohne Micky Maus wirkte.
Dort lernten wir ein Jahr später den computeranimierten Elf Dobby kennen, der ein guter Ersatz für die fehlende Micky Maus war und von allen Kindern gebliebt wurde.
Dann wurde es düster in dieser Zuckerwattenwelt, und Harry, Ron und Hermine durften endlich mal einigermaßen cool aussehen. Na gut, Ron musste eine halbe Vokuhila (eine Voku) tragen, aber Hermines Haare durften im Wind wehen, und Harry tauschte seinen spießigen Pulli gegen ein legères T-Shirt ein.
Es folgte ein Film, der inhaltlich eigentlich nichts zur Gesamthandlung beisteuern konnte, dafür aber ein megacooles Quidditch-Wembley-Stadion zeigte und es in Hogwarts endlich mal rocken ließ. Und Hermine und Ron waren eifersüchtig aufeinander. Das war süß!
Umso enttäuschter konnte man sein, dass der "Orden des Phönix" weder eine interessante Handlung noch cooles Zauberer-Zeug zu bieten hatte. Und die Love-Story zwischen Ron und Hermine erkaltete auch wieder recht schnell.
Dann wurde es so richtig stylish in der Zauberwelt, und das Leben in Hogwarts begann wieder Spaß zu machen – für den Zuschauer mehr als für die Figuren im Film. Denn spätestens ab Film 6 war es nur noch düster (aber von der Bildgestaltung her sehr chic) in Harry Potters Leben. Wer die Romane nicht gelesen hatte, kapierte ab hier nix mehr.
Die Sache mit der Düsternis ging soweit, dass im 7. Film (glücklicherweise) nichts mehr übrig war vom zuckersüßen Disneyland-Hogwarts. Selbst die digitalte Micky Maus musste sterben. Die Kids, die damals Dobby in Herz geschlossen hatten, waren jetzt pubertierende Fast-Erwachsene, die verschämt ein Tränchen verdrückten, als ein Stück ihrer Kindheit kaltblütig ermordert wurde.
Und dann exploderite alles. Hogwarts wurde dem Erdboden gleichgemacht. Scheinbar völlig willkürlich wurden Nebenfiguren geopfert. Eh man sie betrauern konnte, starb bereits die nächste Nebenfigur. Zwischendurch küsste Ron Hermine und Harry die Schwester von Ron, die trotz roter Haare völlig unscheinbar und langweilig ist.
Ebenso plötzlich starb Voldemort, Harry klopfte sich den Hogwarts-Staub von seinen Schultern und dann...

Ja dann...



Dann offenbarte man uns in der letzten Szene vom letzten Film, dass Harry trotz seiner aufregenden Kindheit und Jugend ein spießiger Erwachsener geworden ist. Mit Pulli, runder Brille und Drei-Tage-Bart sieht er aus wie ein Englischlehrer, der Urlaub in Schweden macht und zu Hause nur die öffentlich-rechtlichen Fernsehkanäle empfängt. Ron ist fett geworden, wahrscheinlich arbeitet er im Zauberministerium und stempelt mit seinem Zauberstab Unterlagen ab, so wie wir es in Film 7a zu sehen bekommen haben. Hermine ist seine Frau und muss – obwohl sie Dank Emma Watson ein Chanel-Gesicht hat und in unserer Welt immer stilvoll gekleidet ist (wow, was für ein Kleid) – einen hässlichen grau-beigen Mantel tragen. Ach, wär sie doch nur bei ihren  Muggel-Eltern geblieben, denkt man da. Die sind immerhin angesehene Zahnärzte – vielleicht hätte sie ja Prinz William heiraten dürfen.

Acht Filme in zehn Jahren. Und am Ende die lange Nase: Ätschbätsch, Potter und seine Freunde sind in Wirklichkeit Leute, auf deren Partys man auf keinen Fall Gast sein will. Noch schlimmer: Sie geben gar keine Partys, sondern rufen die Bullen, wenn nebenan zu laut gefeiert wird.

Hogwarts liegt in Schutt und Asche. Warum wird man nach acht Filmen nicht mit einer prächtigen Feier belohnt, in der die Zaubererwelt von Düsternis befreit und der Kreis hin zum ersten Film geschlossen wird, wo Hogwarts noch auf dem Fundament kindlicher Fantasie gebaut war. Stattdessen  wird von den Trümmern der Zauberschule zu einem sehr trostlos wirkenden Gleis 9 3/4 geschnitten, an dem selbst der Hogwarts-Express an Glanz verloren hat. Englischlehrer Harry gibt seinem Sohn altkluge Sprüche mit auf seine erste Fahrt in die Zauberwelt. Und der Sohn – der zu seinem Unglück "Albus Syrius" heißt (zum Glück lernt er zaubern, um sich gegen Mobber zur Wehr setzen zu können) – denkt sich wahrscheinlich: "Jaja, ist schon gut, Alter. Kannst mit deinem fetten rothaarigen Freund über die alten Zeiten quatschen."

Vielleicht ist das Ende auch pädagogisch wertvoll gedacht. Vielleicht soll den Kids, die von Harry und seinen Freunden durch ihre Kindheit und Jugend begleitet wurden, gesagt werden: "So, das war es jetzt mit Potter. Und damit ist auch eure Kindheit vorbei. Ihr seid jetzt Erwachsene und müsst einsehen, dass die Welt da draußen nicht magisch sondern verkommen ist. Und Harry Potter ist in Wirklichkeit genau so ein Trottel wie eure Eltern und Lehrer. Viel Spaß in der Wirklichkeit. Und danke für euer Taschengeld!"

Kommentare:

  1. Ich bin hin und weg!

    So wird im Filmgeschäft von Buchvorlagen abgewichen - ist ja auch legitim, ein Fil ist immer eine Interpretation - aber dann, wenn es mal wirklich Sinn macht, bleibt man stur am Buch und all die Magie ist verloren.
    Dein Vorschlag mit dem opulenten Fest gefällt mir fantastisch! Da hätte man immernoch die Mädels mit dicken Babybäuchen zeigen können...

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  2. Ich habe die Bücher nicht gelesen. (Doch, die ersten beiden schon, aber eben nicht die, von denen alle immer sagen "dann wird es wirklich gut".) Wie ist denn da das Ende? Ist es auch so abrubt.
    Ich hatte bei den Potter-Filmen immer das Gefühl, dass dort den FIlmemachern wichtiger war, werkgetreu zu bleiben, statt sich Freiheiten zu erlauben. Es ist halt so, dass die meisten Zuschauer die Bücher kennen und daher das Risiko hoch ist, sie zu enttäuschen, wenn man irgend etwas abändert.

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  3. Hier ein anderer Schlussvorschlag: http://www.youtube.com/watch?v=YsYWT5Q_R_w&sns=fb

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