Montag, 9. Dezember 2013

Der gruseligste Adventskalender der Saison... #9

Achtung! Diese weihnachtlich-traurige Gruselgeschichte startet bei TÜRCHEN 1!
Hier geht es weiter mit:

TÜRCHEN 9

Jetzt, als sie die Nudeln in sich hinein schaufelte und sich über einen Server in Tonga nach Westeros teleportierten ließ, fühlte sich Lotte zum ersten Mal, seit sie in Köln war, wirklich befreit. Alle mussten mit ihren Familien Weihnachten feiern. Nur ich bin frei! Ich habe keine Familie mehr! 
Lotte sprang mit federndem Schritt in die Küche, als sie nach der ersten „Game of Thrones“-Folge ihren leeren Teller zum Spülbecken brachte. Sie ging ins Bad und pinkelte, betrachtete beim Händewaschen noch einmal stolz ihre neuen Ohrringe, die nicht zum Schlabberlook passten, die sie aber heute unbedingt tragen wolle. Zurück im Wohnzimmer ließ sich Lotte auf den Sessel fallen und startete die nächste Folge. Der Ladekreis drehte sich stoisch, während eine illegale Verbindung zum Server in Tonga aufgebaut wurde. Und während er sich drehte, fiel Lottes Blick auf ein Päckchen in der Ecke des Zimmers. Es war in goldenes Glanzpapier gewickelt und mit einer großen roten Schleife verziert. Obwohl es nur sehr klein war, war das Päckchen so auffällig verpackt, dass Lotte sich wunderte, es nicht schon früher bemerkt zu haben. Es war doch eben noch nicht da? Muss es wohl… Dachte sie. Irgendwo tief in ihr flüsterte eine Stimme, die Lotte kaum hören konnte (wollte). Das Christkind geht unbemerkt durch Wände und legt einfach so Geschenk nieder.

Neugierig ging Lotte zu dem Paket, das gleich zwischen Sofa und Fernseher stand und betrachtete es zunächst mit leichtem Sicherheitsabstand, so als könnte es explodieren, wenn sie ihm zu nahe käme. Das Deckenlicht spiegelte sich darin, so dass das Paket wie ein kleiner Goldbarren aussah. Lotte hatte Anja mehrmals gesagt, dass sie absolut nichts Weihnachtliches an Heiligabend gebrauchen konnte. Aber es sah Anja ähnlich, dass sie sich über Lottes Wunsch hinweg gesetzt und doch eine Überraschung zurückgelassen hatte. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Eine Erklärung, warum du das Paket so lange nicht sehen konntest, obwohl es auffällig hell glänzt, gibt es allerdings auch nicht.

Lotte näherte sich vorsichtig und hob das Paket hoch. In dem Moment erklang ein tönender Tusch! Lotte ließ das Päckchen fallen, fing es aber mit wedelnden Armen wieder auf. Der Tusch gehört zum schmissigen Beginn der „Game of Thrones“-Titelmelodie. Die Verbindung nach Tonga stand also. Lotte wickelte vorsichtig die rote Schleife vom Paket und zog den Tesafilm ab, der sich sehr leicht vom glatten Lackpapier lösen ließ. Die Titelmelodie der Fantasy-Serie gab dem Auspacken eine absurde Dramatik.

Lotte drückte die Space-Taste auf ihrem Laptop und sorgte für Ruhe. Unter dem Papier war ein graues Kästchen zum Vorschein gekommen – eines, in dem normalerweise Ohrringe oder Armbänder aufbewahrt werden. Normalerweise, dachte Lotte, weil sie ahnte, dass keine Ohrringe darin sein würden. Lotte hob vorsichtig den Deckel vom Kästchen. Es war mit synthetischer Watte ausgefüllt. Lotte musste etwas davon abziehen, um das Schmuckstück im Inneren des Kästchens zu enthüllen. Sie spürte, wie ein Ziehen durch ihre Haarwurzeln und dann ihren Nacken hinab flüchtete. In dem Kästchen lag umhüllt von Watte ein winzig kleiner Schneidezahn.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen