Mittwoch, 11. August 2010

Spinner-Resozialisierung

Spinner ersetzen die wichtigste Funktion von Raucherabteilen in Zügen. Nirgendwo quatschten fremde Leute auf Zugfahrten mehr miteinandern oder schlossen Arbeitswegfreundschaften. Als Viel-Pendler kann ich sagen, dass es diese Art der Freundschaft nicht mehr gibt, seit in Zügen nicht mehr geraucht werden darf.

Die Kommunikation fing eigentlich immer gleich an. Jemand torkelt abgehetzt ins Abteil und ehe sich die Tür hinter ihm schließt, hat er sich schon eine Zigarette angezündet. Zwangsläufig fällt der Satz: "Leck mich am Arsch, eh man das Raucherabteil gefunden hat, ist der Zug schon in (hier beliebigen Zielort einsetzen)." Bestätigende Nickenbewegungen hinter Dunstwolken, die die Regional-Express-Plastikdecken Raucherzahngelb machen. "Jo, als Raucher wirste immer abgeschoben." - "Wir sind Menschen zweiter Klasse", sagt dann irgendwer und spricht nicht von seinem Bahnticket.

Wie immer führt gemeinsames Schimpfen zu fröhlicher Geselligkeit. Man unterhält sich über seinen Arbeitsplatz und wo man dort überall nicht rauchen darf. Dann über Ehepartner, die das Rauchen nicht tolerieren. Nach drei Hin- und Rückfahrten kennt man die Leute so gut, dass man sie schöne Grüße an die Ehepartner ausrichten lässt, die man über Erzählungen auch zu kennen meint. Da die Klassenzugehörigkeit auf Pendlerfahrten zusammen mit den Rauchwolken und den gelben Decken abgeschafft wurde, rottet sich niemand mehr in Zügen zusammen. Außer, es kommen Spinner ins Abteil.

Heute stieg zum Beispiel einer mit einem vollgeladenen Einkaufswagen in die Regionalbahn - Leergut, ein kleiner Fernseher, Pappkartons, bunter Firlefanz in den Drahtmaschen. Er fluchte und tobte und beschimpfte jeden, dass er mit seinem Wagen zu wenig Platz hat. Er verteilte unfreundlich gemeinte Segensgrüße mit dem Mittelfinger. Nachdem er den halben Zug beleidigt hatte, zwängte er sich mit Wagen in die ehemalige Erste Klasse (die vier Sitze hinter einer Glasscheibe, die mal extra Zuschlag kosteten). Hinter Scheibe und Einkaufswagen schien er abgeschottet genug zu sein, so dass alle Gesegneten kräftig über ihn lästerten.

Die Dramaturgie funktionierte genauso wie damals im Raucherabteil. Einer sagt irgendwann "Aber Spinner gibt es überall", womit man beim Chef wäre, dann beim Arbeitsplatz und zwangsläufig irgendwann beim Ehepartner, die auch Spinner kennen oder selbst Spinner sind. Das Dumme ist nur, dass das Spinnerauftreten nicht zuverlässig jeden Tag aufs Neue passiert. Außerdem steigen die Spinner nicht immer ins gleiche Abteil ein. Das macht Pendlerfreundschaften leider nicht möglich, weil die frühestens nach drei Tagen gemeinsamen Schimpfens entstehen können.

Es wäre also ein schöner Service der Bahn, auf jeder Fahrt in allen Abteilen einen Spinner auftreten zu lassen. Das Programm "Querulant statt Qualm" würde die Pendler langfristig glücklicher machen - auch wenn sie das anfangs wahrscheinlich nicht merken würden.

Kommentare:

  1. Die Bahn beschäftigt doch schon zahlreiche Spinner, sie fahren sogar jeden Tag mit dem gleichen Zug die gleiche Strecke.

    Das Problem ist, dass sie JEDES Abteil belästigen, und jeden Fahrgast persönlich "segnen".
    Ihre Spinnereien reichen dann von "Aufwachen!" bis hin zu "Das Semesterticket ist nicht unterschrieben."

    Der wohl bekannteste Spruch ist jedoch unübertroffen "Fahrkarte bitte!" Wobei "Bitte" und Tonfall einander eigentlich ausschließen.

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  2. Der Aspekt fiel mir eben tatsächlich auch noch ein. Ich wollte ihn eigentlich noch im Text ergänzen. Danke, dass du mir die Arbeit abgenommen hast! :)

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  3. Wieso "ehemalige erste Klasse"? Hab' ich da was verpasst? Ich dachte immer, die kleinen Aquarien seien noch erstklassig.

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  4. In vielen Regionalbahnen (ich dachte eigentlich in allen, bin mir gerade aber nicht sicher), auf jeden Fall in den Regionalbahnen, mit denen ich dieses Jahr gefahren bin, wurde die Erste Klasse in eine Zweite Klasse umgebaut.

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